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  • Detlef Trefzger (links), CEO von Kühne+Nagel, im Gespräch.

18.07.2014 Von: Christian Doepgen


Flashback
Artikel Nummer: 6847

«Dynamisierung der Wertschöpfung»

Interviews mit Geschäftsführern kreisen häufig um Themen wie Quartalszahlen, Personalveränderungen und Branchenereignisse. Selten lässt das Alltagsgeschäft Raum für einen Blick über den aktuellen Horizont hinaus. Detlef Trefzger, seit August 2013 als CEO der Kühne + Nagel-Gruppe operativ am Ruder, diskutierte im Gespräch mit Christian Doepgen Zukunftstrends.


Herr Trefzger, wird es den physischen Transport von Gütern in 20 Jahren überhaupt noch geben?

Sie spielen auf technische Entwicklungen wie Teletransport oder 3D-Drucker an. Natürlich bedeuten diese Innovationen für manche Industriesegmente eine Revolution. Ob sie logistische Prozesse nachhaltig verändern, ist infrage zu stellen. In der Vergangenheit haben neue Wege in der Logistik in der Regel die bereits bestehenden ergänzt.

 

Der Kunde ist die Seele des Geschäfts. Wo machen Sie bei Verladern wie z.B. den Original-Herstellern in der Zukunft die grössten Umbrüche aus?

Vor wenigen Jahrzehnten war der regio­nale Produktionsleiter der Entscheidungs­träger und Auftraggeber für die Spedi­tionen. Heute besteht bei vielen Kunden ein konzernübergreifender, zentral gesteuerter Einkauf, der für seine Logistikfragen die Lösung aus einer Hand sucht. Zusätzlich besteht seit der Finanzkrise 2008/2009 ein Trend zurück zum regionalen Near-Sourcing und zu kleineren, bedarfsgerechten Produktionsgrössen. Das sind Herausforderungen, die sich in die Zukunft fortschreiben.

 

Welche Trends können Sie z.B. bei den Herstellern erkennen?

Die Prozesse verändern sich auf Seiten der Hersteller immer schneller. Lange Zeit hat die Automobilindustrie mit Fliessbandfertigung, Automation und Just-in-time-Produktion im Kundentakt die Massstäbe gesetzt. Logistikdienstleister haben zunehmend Aufgaben wie Modularisierung und Kleinfertigungen für die Automobilhersteller übernommen. Diese Konzepte wurden von anderen Industrien adaptiert. Heutzutage übernimmt die Automobilbranche auch Logistiklösungen der Pharmaindustrie und Hochtechnologie. Damit wird der Logistikdienstleister zum Treiber einer industrieübergreifenden dynamischen Wertschöpfung.

 

Sehen Sie angesichts dieser übergreifenden Orientierung eines Tages eine Konvergenz mancher Industrien?

Es gibt natürlich Annäherungen und branchenübergreifende Standards, aber die unterschiedlichen Industrien und Regionen schliessen eine Vereinheitlichung aus. Es bleibt Raum für Ideen.

 

Ist die Spezialisierung auf einzelne Verladerbranchen die Antwort?

Der Sprung wäre zu kurz. Es geht nicht allein darum, vertikal zu skalieren. Bei der Übernahme von Logistikprozessen benötigen Sie neben einem branchenerfahrenen Kundenbetreuer Logistikexperten, die eine Gesamtlösung kreativ erarbeiten können. Wir sehen einen Trend, übergreifendes Lösungs-Knowhow mit industriespezifischen Anforderungen zu mischen. In der Umsetzung dieser Lösungen sind wir gefordert.

 

Welchen Ansatz halten Sie auf Seiten des Logistikers für zukunftsfähig?

Dynamik ist alles. Nach heutiger Sicht stellt z.B. ein Lager schlicht gebundenes Kapital dar. Es kann dem Spediteur aktuell nicht mehr nur darum gehen, Flächen zu vermieten oder Paletten zu transportieren. Eine echte Wertschöpfung für Kunden und Spediteure entsteht um die Ware herum – also, wenn wir Artikel vor- und nachbearbeiten, veredeln, verpacken, sequenzieren etc. oder in der Transportkette zusammenführen. Dies resultiert in einer Dynamisierung der Supply Chain.

 

Lässt sich mittelfristig der Schritt vermeiden, vom Kunden in Teile des Produktionsprozesses eingebunden zu werden?

Einer solchen Entwicklung stehen zwei Aspekte entgegen. Zum einen ist die interne Produktionslogistik der Unternehmen meist ausdifferenziert und ein geschlossener Kreislauf. Zum anderen übernehmen wir auf Wunsch des Kunden Teilaufgaben, wie z.B. Ersatzteile wie Stossstangen auf Abruf zu fertigen. Für uns liegt die Grenze aber dort, wo die Produkthaftung des Herstellers beginnt.

 

Als eines der grössten Probleme wird seit 2009 die steigende Volatilität der Märkte beklagt, die auch in den kommenden Jahren ein treuer Begleiter bleiben dürfte. Was lässt sich dagegen unternehmen?

Komplementarität ist gefragt, sonst lassen sich Wirtschaftszyklen und -risiken nicht auffangen. Ich bin Fan eines breiten Portfolios. Mit einem weitgefächerten Spektrum an Geschäftsfeldern lassen sich gerade im weltweiten Massstab auch plötzliche Entwicklungen absichern. Wer diese Flexibilität mitbringt und konsequent ausbaut, dem gehört die Zukunft.

 

Die Einführung des Containers war die letzte grosse Revolution in der Logistik. Steht uns etwas ähnliches ins Haus?

Nein. Auf diesem Feld sehe ich z.B. eher einen Retroeffekt. Bis hin zu Schüttgut wird wieder vermehrt per Container transportiert und die endgültige Sättigung ist weiterhin nicht erreicht.

 

Wo liegt das Neue im alten Trend?

Im Timing und in der Verpackung. Zusätzlicher Wert entsteht, wenn die Sequenzierung und Verteilung der Waren des Kunden in der Planung zeitgerecht antizipiert wird und z.B. die Stauung im Container stimmt. Von der optimalen Auslastung hängt viel ab.

 

Wird die Verpackung, teilweise ein Randthema in der Logistik, zukünftig eine grössere Rolle spielen?

Meine klare Antwort: Ja. Die Verpackung steht betriebswirtschaftlich meist für lediglich 0,5% der Kosten eines Transportprojekts, kann aber bedeutende Auswirkungen haben. Wir erkennen über unser Tochterunternehmen Cargopack in Markgröningen, welche Potenziale auf diesem Feld liegen. Mithilfe von Displays oder variabler Ladungssicherung können Sie z. B. die Anzahl der zu verschiffenden Pkw-Karosserien pro Container von zwei auf drei erhöhen. Das sind signifikante Verbesserungen.

 

 Sehen Sie bei den Verkehrsträgern bedeutende Veränderungen am Horizont?

In der Luftfracht wird sich der Trend zu mehr Ladung in Passagiermaschinen fortsetzen, z.B. in temperaturgeführten Transportbehältern. In der Seeschifffahrt und im Überlandverkehr schreitet die Entwicklung zur modernen Motorentechnik mit geringerem Treibstoffverbrauch fort.

 

Und das gesellschaftliche Umfeld?

Wir bewegen uns nicht im luftleeren Raum. Die allgemeinen Rahmenbedingungen für die Logistik – zunehmende administrative und ökologische Auflagen, erhöhte Treibstoffpreise, vermehrter öffentlicher Widerstand gegen grosse Infrastruktur-Projekte – sind für alle absehbar. Damit müssen wir rechnen.

 

Unsere Branche beklagt sich häufig über ihr schlechtes Image. Fängt das Problem der öffentlichen Wahrnehmung bei dem schwammigen Begriff «Logistik» an?

Da haben Sie zweifellos recht. Es handelt sich um ein diffuses Schlagwort, unter dem fast jeder etwas anderes versteht. Für weitaus konkreter – und wichtiger – ­halte ich den Begriff «Supply Chain». Heute muss ein Unternehmen wie wir in Prozessketten und Lösungen entlang des gesamten Transportvorgangs und darüber hinaus denken, wenn wir die Erwartung des Kunden erfüllen wollen.

 

Der Faktor, der gern vergessen wird: der Mensch. Wo sehen Sie den Mitarbeiter in der Logistik in 20 Jahren?

Ohne Praktiker und Experten kommt niemand aus. Das ist für mich eine gute Nachricht. Eine völlige Automation in der Logistik ist nicht vorstellbar. Im Vordergrund stehen sowohl die Stabilität der Prozesse als auch die flexible Anpassung. Und da ist der Mensch jeder Maschine überlegen. Laufende Prozessoptimierung ist aber Pflicht.

 

Wie setzen Sie das um?

In unseren Lagern wird mit unseren operativen Mitarbeitern jedes Quartal eine Optimierungsrunde durchgeführt. Mitarbeiter und Management diskutieren Verbesserungen und spielen Muster­lösungen durch, um u.a. das Durchlauftempo der Ware zu erhöhen.

 

Was kann die IT besser als der Mensch?

Natürlich ist die IT-Unterstützung ein Schlüsselfaktor und vor allen Dingen beim Datenaustausch mit unseren Kunden gefordert. Wir operieren Standorte, bei denen pro Tag bis zu einer Million «orderlines» durchlaufen.

 

Ihre Hauptbotschaft für die Zukunft?

Das klassische Transport- und Logistikgeschäft wird es immer geben. Der Sendungsbegriff wird künftig weniger Bedeutung haben als der Artikelbegriff. Wichtig ist, dass wir kundenspezifisch operieren und gleichzeitig fokussiert bleiben.

 

 

Steckbrief zur Person

Dr. Detlef Trefzger, Jahrgang 1962, arbeitete zunächst für Siemens und Roland Berger. Zwischen 1999 und 2012 war er bei Schenker in verschiedenen Vorstandspositionen tätig, zuletzt hatte er die globale Leitung der Kontraktlogistik, Seefracht und Luftfracht inne. Seit März 2013 ist er bei der Kühne + Nagel International AG Geschäftsführer des Ressorts Kontraktlogistik. Im August 2013 wurde er zum CEO der Kühne + Nagel-Gruppe ernannt.