Grosse Herausforderung für
die internationalen Hilfsorganisationen
Logistik für Menschen in Not
02. Februar 2010

VON: ROBERT ALTERMATT/JOSEF MÜLLER



Bei einem grossen Katastrophenereignis wie dem verheerenden Erdbeben auf Haiti von Anfang Jahr sind Hunderttausende von Menschen innerhalb weniger Minuten auf schnelle Hilfe angewiesen. Eine besonders wichtige Rolle – gerade auch in logistischer Hinsicht – spielen in solchen Ausnahmesituationen die grossen Hilfsorganisationen wie das Internationale Rote Kreuz oder das UN-Flüchtlingswerk.

 



Seien es Naturkatastrophen wie das zerstörerische Erdbeben auf Haiti, gigantische Flutwellen wie das Tsunami-Beben Ende 2004 in Südostasien oder grosses menschliches Elend auf Grund von Bürgerkriegen wie z.B. in Darfur/Afrika: Vor dem Hintergrund der riesigen Not der betroffenen Menschen werden in solchen Momenten zeitgleich weltweit die Logistik-Kommandostäbe von verschiedenen Hilfsorganisationen schlagartig installiert und auf eine hohe Betriebstemperatur «hochgefahren». Welche Logistikkonzepte bei derartigen Notfällen dabei zur Anwendung gelangen, über diese Thematik wurde am Hauptforum des letztjährigen Kongresses des Weltspediteurverbandes Fiata in Genf debattiert. Unter dem Titel «Wie agieren internationale Organisationen in Notfällen?» diskutierten in der Calvin-Stadt, wo viele internationale humanitäre Organisationen ihren Sitz haben, diverse Vertreter von internationalen Hilfsorganisationen über Logistikkonzepte in Krisengebieten und bei Notfällen.

 

Rasches Reaktionsvermögen gefragt

Oliver Gisler, Chef der Transportabteilung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), wies auf die anspruchsvollen logistischen Leistungen und den grossen infrastrukturellen Aufwand hin, die im Fall von kriegerischen Auseinandersetzungen, Naturkatastrophen etc. erbracht werden müssen. Die Logistikdivision des IKRK betreibe einen Fahrzeugpark von 2740 Einheiten sowie 1300 Generatoren, Gabelstaplern und Schiffen. Auch Lufttransporte würden regelmässig durchgeführt. Dieser Aufwand sei mit grossen Kosten verbunden. Gisler sagte, dass auf Hilfsgüter im Wert von 1 CHF Logistikkosten von 0,68 CHF hinzukämen, um diese Güter an ihren Verwendungsort zu transportieren.

Gislers Amtskollege beim Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) in Budapest (Ungarn), Radisav Milijanovic, legte dar, dass sich das UNHCR mit weltweit 6600 Mitarbeitenden in 110 Ländern um über 10 Mio. Flüchtlinge kümmere und zusätzlich um weitere 14,4 Mio. Personen, die im eigenen Land ihr Hab und Gut verloren hätten, besorgt sei. Das Budget des UNHCR für Transportkosten belaufe sich dabei auf 32 Mio. USD, was rund 10% des Gesamteinkaufvolumens ausmache, so Milijanovic. Im Logistiksektor arbeite die Organisation auch mit Unternehmen aus dem privaten Sektor, etwa mit Kühne + Nagel, zusammen.

Beat von Däniken, Stabschef für humanitäre Hilfe bei der Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza), wies in seinem Referat darauf hin, dass beispielsweise bei Naturkatastrophen die (Reaktions-)Schnelligkeit entscheidend sei. So könnten die «Rapid Response Teams» der Schweizer Katastrophenhilfe zwischen sechs und 24 Stunden nach Ausbruch einer Katastrophe rund um den Globus ihre Arbeit vor Ort aufnehmen. Der Logistik komme dabei eine wichtige Rolle zu, müsse man doch in Katastrophenfällen innerhalb weniger Stunden agieren. Eindrücklich schilderte von Däniken das Problem der Überforderung der lokalen Behörden bei solchen schrecklichen Ereignissen (auf Haiti jedenfalls waren die Behörden völlig hilflos und auf die Hilfe ausländischer Staaten angewiesen, Anm. d. Red.). Geradezu klassische logistische Engpässe in Katastrophenfällen seien die Flughäfen, da just dann viel zu viele Flugzeuge gleichzeitig eintreffen würden und dabei oftmals die Abfertigungskapazitäten der völlig überlasteten Flughäfen gesprengt würden (vgl. S. 25). Weitere grosse Probleme in derartigen Ausnahmesituationen seien zerstörte Verkehrs- oder Informationsinfrastrukturen (vgl. S. 33 und 38), so von Däniken.

 

Beispiel Österreichisches Rotes Kreuz

Das Österreichische Rote Kreuz (ÖRK) fährt Katastropheneinsätze mit dem eigenen Fuhrpark; die Distribution der Versorgungsgüter übernehmen Spediteure und KEP-Dienstleister. Immer dann, wenn eine Katastrophe ausbricht, ist es nicht nur entscheidend, dass die Helfer möglichst rasch zur Stelle sind, sondern dass die Hilfsgüter innerhalb kürzester Zeit herangeschafft werden, damit das Leid der Betroffenen gemildert wird. Bei der Logistik und beim Personalmanagement muss jeder Handgriff sitzen, auf jede Minute kommt es an.

Rasches Reaktionsvermögen und eine ausgefeilte Logistik seien beim Österreichischen Roten Kreuz eine Kernkompetenz, so Jürgen Kunert, Leiter Einkauf und Logistik bei der Einkauf & Service GmbH des ÖRK in Wien-Liesing. Dort laufen die Logistikfäden zusammen und dort steht auch das Pufferlager für nicht weniger als 8000 verschiedene Artikel, angefangen von der Trinkwasseraufbereitungsanlage bis hin zur Ausrüstung für ÖRK-Suchhunde. Mit diesen Artikeln wird die gesamte ÖRK-Organisation in ganz Österreich versorgt. Als Logistikdienstleister fungieren acht Speditionsunternehmen und ein KEP-Dienstleister, mit deren Leistung Kunert rundum zufrieden ist.

Im Katastrophenfall können innert kurzer Zeit für bis zu 3000 Menschen Zelte, Feldbetten und die Notversorgung aufgestellt werden. Das Rückgrat für den Transport der Hilfstransporte bilden die eigenen 155 Lkw. Medizinisches Fachpersonal, freiwillige Helfer und Equipment so rasch wie möglich zum Ort des Geschehens zu bringen, das alles ist generalstabsmässig organisiert. Als im Sommer des vergangenen Jahres das Hochwasser weite Teile der Bundesländer Niederösterreich und Burgenland unter Wasser gesetzt hatte, war das ÖRK genauso tatkräftig im Einsatz wie beim Erdbeben in Indonesien oder in Italien. «Bei unseren internationalen Einsätzen kaufen wir das für den Einsatz notwendige Equipment immer auch vor Ort ein», sagt Kunert.

Betten oder Zelte von Österreich nach Indonesien zu fliegen, wäre logistisch viel zu kostspielig. Daher verfügt das ÖRK weltweit über einen Lieferantenpool, auf den es bei Bedarf jederzeit zurückgreifen kann. Finanziert wird das Material zur Notversorgung nach genauer Bestandsaufnahme des Bedarfs und meist mit den für eine bestimmte Katastrophe gesammelten Spenden. «Als die Tsunami-Katastrophe in Südostasien hereinbrach, habe ich kurz nach Bekanntwerden des Unglücks bereits 80 E-Mails von Lieferanten mit Angeboten erhalten», erinnert sich Kunert, der aus dem Speditionsgeschäft kommt und sich als Logistiker beim Roten Kreuz sehr wohl fühlt.

 

Hilfe bei der Trinkwasseraufbereitung

Doch wie kommt es, dass das ÖRK nach Ostasien gerufen wird? Bricht irgendwo auf der Welt eine Katastrophe aus, dann läuft die Koordination über das Internationale Rote Kreuz in Genf. Dort laufen weltweit die Fäden zusammen und wird der Erstbedarf der Hilfeleistungen ermittelt, werden Krisenstäbe gebildet und je nach Weltregion die nationalen IKRK-Stellen im betreffenden bzw. in den umliegenden Ländern involviert. Das ÖRK ist z.B. weltweit mit seinen hochprofessionellen Trinkwasseraufbereitungsanlagen sehr gefragt. Zehn gibt es davon in ganz Österreich, die im Krisenfall schnell ans andere Ende der Welt gebracht werden können.

Als im November 2009 in der Ukraine die Schweinegrippe ausbrach und die Regierung in Kiew die EU um Hilfe bat, dauerte es nicht lange und das ÖRK verpackte 400 000 Gesichtsschutzmasken für die Bevölkerung und schickte sie in die Ukraine. In diesem Fall kontaktierte Brüssel das österreichische Innenministerium, das «uns als Logistiker für die 400 000 Masken betraute», beschreibt Kunert den Ablauf. Bezahlt wird der Logistik-Aufwand in diesem Fall vom Ministerium. Ansonsten kann das ÖRK bei seinen Dienstleistungen für Krankentransporte, Notarztdienste und Katastrophenhilfe auf finanzielle Zuwendungen durch Regierungsinstitutionen, EU und natürlich auf Spenden zurückgreifen.

 

 








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