| Produktpiraterie Vorsicht vor dem Handel mit gefälschten Waren |
06. Juli 2010 | ||
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VON: WILF SEIFERT Verlader, Spediteure, Logistiker und Transporteure geraten zunehmend in die Schusslinie von Fahndern. Das Handling und der Transport industriell gefälschter Güter kann sie teuer zu stehen kommen.
Fälscherwerkstätten schleusen jährlich Waren im Schätzwert von rund 600 Mrd. USD in den Weltmarkt. Ihre Antriebsfedern sind Gier; die Globalisierung, inadäquate Gesetze und laxe Strafverfolgung tragen das ihre zu dieser Entwicklung bei. Die heutige Generation handwerklich begnadeter Nachahmer kopiert nahezu alles, was fetten Profit verheisst: Arzneien, Zigaretten, DVDs, Luxusuhren, Spirituosen, Business-Software, Nahrungsmittel, Computerspiele, Sportbekleidung, Musik-CDs, Designer-Jeans, Mobiltelefone, Schuhwerk, Kosmetika, Autoersatzteile, Kraftstoffe etc.
If you can make it, they can fake it Peter Lowe, Direktor des Bereichs Commercial Crime Services der Internationalen Handelskammer in London, bringt das Dilemma auf diesen knappen Nenner: «If you can make it, they can fake it.» Was auf diese Weise – oft durch Kinderhände – hergestellt wird, verursache neben enormen Finanz-, Job- und Steuerverlusten physische Schäden und Sozialkosten. Umso alarmierender sei die rapide Ausweitung dieser organisierten Kriminalität, sagte er am Seefrachtseminar 2010 des Swiss Shippers‘ Council in Interlaken. 2008 hatten EU-Zollbeamte 49 000 Sendungen – vorwiegend mit Kleidung, DVDs, Zigaretten und Medikamenten – konfisziert; davon stammten 54% aus China. Im vergangenen Jahr beschlagnahmte der US-Zoll 14 841 Sendungen im Wert von 260,7 Mio. USD; 89% kamen aus dem Reich der Mitte und Hongkong, wobei wertbezogen 38% Fussbekleidung waren. Auf eine seriöse Schätzung der Dunkelziffer lassen sich nicht einmal Experten ein. «Geistiges Eigentum», konstatierte Lowe, «wird immer verwundbarer.» Analog zur rasant expandierenden Schattenindustrie steige die Wahrscheinlichkeit, dass Dritte par force in den Kampf gegen die Fälscher einbezogen würden. Deshalb seien Verlader, Spediteure, Logistiker und Transporteure gut beraten, ihre Geschäftspartner sorgfältiger unter die Lupe zu nehmen, «sprich: die wahre Natur der Ladung und den Hintergrund solcher Firmen oder Individuen zu eruieren». Denn Versäumnisse könnten sich in Form ihrer Haftbarmachung für das Lagern und Vernichten gefälschter Produkte rächen. In den USA werden schon pharmazeutische Betriebe und Besitzer einschlägiger Geschäftsimmobilien in die Pflicht genommen, an Kampagnen wider die grassierende Plage zu partizipieren. Gleiches gilt für Internet-Auktionshäuser und -Serviceanbieter: Sie stehen unter verstärktem Druck, ihr Business auf möglichen Fake zu durchleuchten. Es sei nur eine Frage der Zeit, dass auch die Handels-, Verlader-, Logistik- und Transportbranchen als potenzielle Schwachstellen erachtet würden, prognostizierte Lowe.
Im Visier der Fahnder Bislang beschränke sich der kostspielige Kampf gegen das Unwesen hauptsächlich auf Markenartikler und Regierungen. Nun greife der Trend, die Haftbarkeit auf all jene auszudehnen, «die es wissen oder wissen müssten». Wer sich der Anstiftung oder Unterstützung des Handels, Transports oder Lagerns von Nachahmerprodukten schuldig mache, werde ins Fadenkreuz der Fahnder geraten, «also auch Verlader, Spediteure und Carrier», folgerte Lowe. Seinen Erkenntnissen zufolge profitieren industrielle Fälscher von zwei Kernfaktoren: freigiebige technologische Informationen via Internet sowie Outsourcing nach China und anderen Entwicklungsländern. Die Vorteile von Fälschungen liegen auf der Hand: minimale Kosten, billige Arbeitskräfte, keine Forschung, Entwicklung, Qualitätskontrolle, Internetadresse und Steuern – und dies zu Marktpreisen, die nicht weit unter denen der Originalprodukte liegen. Nachahmer sind erfindungsreich, flexibel, straff organisiert und Meister in der Tarnung ihrer Identität. Diverse Werkstätten produzieren in versteckten Erdhöh-len, andere auf mobilen Plattformen, z. Bsp. offshore, und bedienen sich ausgefeilter Distributionstechniken. Dazu gehören eigens umgerüstete, mit illegaler Fracht beladene Schuten. Vor der Küste an einem unverdächtigen Ort abgesenkt, werden sie später von «Kontraktpartnern» an die Oberfläche geholt, um die Ware für den Abtransport zu übernehmen. Der Aufwand lohnt sich: Laut Lowe kann «eine unterirdische chinesische Zigarettenfabrik», deren Produktionsgerätschaft mit höchstens 100 000 USD zu Buche schlägt, pro verladenem 40-Fuss-Container rund 3 Mio. USD einstreichen. Dazu trügen vernachlässigbare Material- und Arbeitskosten bei. Solche «scheinbar harmlosen Aktivitäten» seien umso verwerflicher, als bisweilen Teile ihrer Erlöse in die Finanzierung des Terrorismus flössen, sagte er.
Internationale Vereinbarungen Schon eingedenk des Schadenpotenzials mancher Fälscherprodukte sind international verbindliche Vereinbarungen gegen deren Handling dringend geboten. Beispiel Pestizide: Sie können Ernten zerstören, gravierende Gesundheits- und Sicherheitsrisiken heraufbeschwören, riesige Lager- und Beseitigungskosten verursachen (so wurden für die Vernichtung einer ukrainischen 560-t-Sendung 1,5 Mio. EUR fällig) sowie bei inkorrektem Umgang explodieren. - Zurück zu: Aktuelle Ausgabe |
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