Im Gespräch
Auf dem Expansionsweg
06. Juli 2010


Von einer Krise, die geholfen habe, von komplexen Zollformalitäten und neuen Produkten für seine Kundschaft spricht Perry Neumann, Geschäftsführer bei Kühne + Nagel für die Regionen Russland und Weissrussland, im Interview mit ITZ-Chefredaktor Tim-Oliver Frische. Und Sotschi 2014: Das stehe für gigantisch viel Transportvolumen, sagt er.

 



 

Herr Neumann, wie wichtig ist der russische Markt für Kühne + Nagel?

Russland ist von grosser strategischer Bedeutung für Kühne + Nagel. Klaus-Michael Kühne persönlich war im Jahr 2005 der Initiator unserer verstärkten Investitionen in Russland. Unsere 1992 gegründete Landesorganisation hatte 2005 noch eine ziemlich überschaubare Frachtstruktur ohne eigens Warenlager und beschäftigte 80 Mitarbeitende. Zwei Jahre später waren wir bereits knapp 800 Beschäftigte. Wir sprechen also über ein rund zehnfaches Wachstum in sehr kurzer Zeit.

 

 

Was waren die Gründe für ein derartig rasantes Ansteigen der Belegschaft?

Wir haben erheblich investiert, vor allem in die Kontraktlogistik. Heute bewirtschaften wir knapp 100 000 m2 Lagerfläche in Russland. Dabei handelt es um gemietete Läger oder Läger unserer Kunden; eigene Immobilien besitzen wir im Land nicht. Was die Anzahl der Mitarbeitenden betrifft, sind wir zwischenzeitlich etwas geschrumpft, aber seit Januar 2010 wieder auf dem Wachstumspfad. Gerade heute Nacht (das Interview wurde auf der «TransRussia» in Moskau geführt, Anm. d. Red.) haben wir eine Pressemitteilung darüber veröffentlicht, dass wir Repräsentanzen in Murmansk und Nogliki auf der Insel Sachalin für das Öl- und Gasgeschäft eröffnet haben. Um auf Ihre eingangs gestellte Frage zurückzukommen: Russlands Marktpotenzial ist enorm.

 

 

Wie gross sind zurzeit Ihre Marktanteile hier?

Wir haben immer noch einen verhältnismässig kleinen Marktanteil in diesem grossen Land, verglichen zu Kühne + Nagel global, wo wir Marktführer in der Seefracht und Nummer drei in der Luftfracht und der Kontraktlogistik sind. Das hilft uns natürlich dabei, Neugeschäft zu akquirieren. So haben wir es in der Hand, auch gegen den Markt zu wachsen, wenn die Konjunktur einmal nicht so läuft und die Volumen nach unten gehen. Das russische Marktpotenzial ist auch deswegen so gross, weil unsere globalen Kunden mehr und mehr in Russland investieren, expandieren und die Globalisierung auch vor diesem Land nicht Halt macht. Natürlich gibt es hier viele Herausforderungen, die man in der westlichen Welt nicht kennt. Wir sehen immer wieder sehr staunende und fragende Gesichter, wenn wir mit Kollegen oder auch verschiedenen Kunden, die hier gerade ihre Aktivitäten starten, über Russland reden.

 

 

Spüren Sie den Aufschwung nach der Krise?

Die russische Regierung hat schon vor einem Dreivierteljahr erklärt, dass die Krise vorbei sei. Seit Januar haben wir nun tatsächlich den Eindruck, als ob jemand den Schalter umgelegt hätte. Das Geschäft hat kräftig angezogen. Eine Trendwende hat bei uns auch bewirkt, dass wir im Krisenjahr eine neue Sales & Marketing-Organisation aufgebaut haben. Ich kann also sagen: Die Krise uns geholfen hat.

 

 

Können Sie das bitte unseren Leserinnen und Lesern genauer beschreiben?

Die Krise hat uns einerseits dadurch geholfen, dass wir die Kosten reduziert und die Zeit genutzt haben, uns zu konsolidieren und eine gesunde Basis für künftiges Wachstum zu schaffen. Zugleich haben wir in den Verkauf investiert, und das zahlt sich heute aus. Seit Januar verzeichnen wir zunehmende Kundenanfragen, viele Tender und Testaufträge und sehr viel Neugeschäft. Das betrifft alle Verkehrsträger und sämtliche Kundenbranchen und spiegelte sich auch in unserem Ergebnis im ersten Quartal wieder. Der Monat März war der beste in der Firmengeschichte Kühne + Nagels global.

 

 

Das ist beeindruckend. Ist dieser rasante Anstieg des Geschäftsvolumens seit Jahresbeginn auch losgelöst von der Tatsache, dass die Läger Ihrer Kunden aufgefüllt werden mussten?

Das spielt zum Teil schon eine Rolle, weil insbesondere im Lager- bzw. im Kontraktlogistikbereich die Volumina im Krisenjahr zurückgegangen waren. Die Kunden hatten plötzlich keinen Forecast Mehr und waren unsicher, wie die weitere Geschäftsentwicklung aussehen wird. Deshalb haben wir auch im vergangenen Jahr im Warehouse-Bereich Personal abgebaut, um die Kosten entsprechend dem Geschäftsverlauf anzupassen. Zwischenzeitlich zieht das Geschäft wieder an. Der Real Estate-Markt hat sich durch die Krise ebenfalls stark verändert. Die Mieten sind gesunken. Für Mietkunden ist der Markt wieder attraktiver als vorher. Die Lager füllen sich wieder, wobei ich bei uns auch das Wachstum darauf zurückführe, dass wir verschiedene spezielle Produkte und Services für den russischen Markt entwickelt haben. Es gibt hier verschiedene Problemstellungen, verschiedene Herausforderungen und denen haben wir uns angenommen. Wir sehen uns nicht als der klassische russische Spediteur, der vorwiegend in den Kategorien eines normalen A-nach- B-Transports denkt.

Wir möchten dem Kunden integrierte Lösungen verkaufen, d.h. wir wollen verstehen, wo das Problem des Kunden liegt, und ihm durch unsere Konzepte und unsere IT- und Visibilitäts-Tools helfen, Lagerbestände zu reduzieren, Kapitalbindungen zu verringern und Produktionszyklen oder Ladetechniken umzustellen. Da heben wir uns sehr stark insbesondere von unseren russischen Mitbewerbern ab. Wir haben neue Produkte entwickelt, u.a. im Fashion- Bereich, etwa eine Haus-zu-Haus-Komplettlösung inklusive Verzollung, Klassifizierung der Artikel, Zusatzleistungen wie das Anbringen von Etiketten etc. und Warehousing mit Verteilung über ganz Russland. Der russische Modemarkt ist sehr gross und weitaus weniger von der Krise getroffen worden als andere Bereiche. Internationale Marken haben eigene Francise-Konzepte in Russland etabliert und wie überall auf der Welt ist auch die russische Kundin bereit in ihre Garderobe trotz Krise kräftig zu investieren und längst auf häufige Warenwechsel und eine grosse Warenpalette eingestellt. Und so gibt es mehr und mehr Fashion-Kunden, die bei solchen komplexen Lösungen auf unsere Expertise vertrauen.

Ähnliche Konzepte haben wir im Öl- und Gasbereich, wo wir komplette Ölplattformen, natürlich auseinandergebaut, von einem Land ins andere befördern, und diesen Service mit unserer umfassenden Zollerfahrung kombinieren. Wenn unser Kunde beispielsweise eine Ölplattform nach Russland importieren will, bieten wir ihm ein Komplettpaket logistischer Leistungen, inklusive dem sehr komplexen Zollteil. Darüber hinaus kümmern wir uns im Öl-und Gasbereich um die Wartung und Versorgung der Ölplattformen. Diese werden nicht jeden Tag bewegt, aber sie müssen mit Ersatzteilen versorgt werden. Ausserdem haben wir uns sehr stark auf die Getränkelogistik konzentriert, insbesondere auf Bier- und Wein-Transporte, die sich überwiegend im Seefrachtbereich abspielen. Dabei handelt es sich um Importe aus Lateinamerika, aus Australien sowie aus Südafrika. Auch dies ist ein sehr diffiziles Produkt, wo man Mitarbeitende braucht, die über Industrieerfahrung verfügen und wissen, wie man diese Waren behandeln muss.

 

 

Ich höre aus in Ihrer Antwort das Problem Zollformalitäten heraus?

(lacht) Ich könnte jetzt lange über das Thema sprechen. Es ist ein Problem. Man muss sich vorstellen, dass die Zolleinnahmen die zweitgrösste Einnahmequelle des russischen Staates sind, nach Öl und Gas. Das ist hoch politisch und die gesamte Gesetzgebung sehr komplex.

 

 

 

Dann lassen Sie uns doch über ein positiveres Thema sprechen: die Olympischen Spiele in Sotschi 2014.

Wir haben uns frühzeitig auf Sotschi festgelegt. Wir waren der erste internationale Spediteur, der in Sotschi eine Repräsentanz gegründet hat, um an den zahlreichen Infrastrukturtransporten zu partizipieren, die über die nächsten Jahre stattfinden werden...

 

 

 

...und bereits 2012 müssen die Stadien stehen.

Richtig, damit die Tests gefahren werden können. Man spricht von einem Infrastrukturmaterialvolumen von 100 Mio. t, die bis zur Fertigstellung der Stadien transportiert werden müssen – das ist gigantisch. Und wir sind als offizieller Dienstleister von Olympstroi gelistet. Wir haben spezielle Produkte massgeschneidert, Rahmenverträge gezeichnet und mit den ersten Lieferungen für Sotschi begonnen. Wir sehen hier grosses Potenzial.

 

 

 

Herr Neumann, herzlichen Dank für Ihre Zeit.

 








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