Heavylift / Breakbulk

  • Vor der Parade eines mobilen Hafenkrans muss er verheiratet werden.

04.10.2016 Von: Christian Doepgen


Artikel Nummer: 16222

Zeuge der Hochzeit

Für den Transport von Schwergütern bleiben Krane ebenso unabdingbar wie das Amen in der Kirche. Gerade in Häfen mit begrenztem Raum ist die Ausstattung mit Mobilkranen eine wichtige Voraussetzung für den Umschlag. Eine Umschau bei Liebherr in Rostock.


Am Anfang war der Stahl. Krane bilden nun einmal die Basis für den Umschlag nahezu jeglicher Ladung. Aus dem Schwergutbereich sind sie nicht wegzudenken. Die Bandbreite von Ausstattung und Einsatzmöglichken ist dennoch beträchtlich. Ein Einblick in den Produktionsstandort von Liebherr in Rostock, Deutschland.

 

Die Bandbreite ist obligatorisch

Im Rahmen der Strategie der Liebherr-Firmengruppe, die mit allen Bereichen im Jahr fast 9,3 Mrd. EUR umsetzt, sind die Hafenmobilkrane ein essentieller Bestandteil. «Die Krane im maritimen Einsatz stehen für 10,5% des Umsatzes im Gesamtunternehmen», führen Wolfgang Pfister, Head of Global Marketing, und Leopold Berthold, Mitglied der Geschäftsführung, an der Produktionsstätte in Rostock aus. Auch wenn der Bereich im Vorjahresvergleich einen leichten Rückgang von 2,4% hinnehmen musste, sprechen 964 Mio. EUR Umsatz für sich.

 

Reinhard Krappinger, Geschäftsführer Technik, macht die Bandbreite deutlich, der die Krane trotzen müssen. So müssen in Dudinka in Westsibirien die 17 Krane, die dort zum Einsatz kommen, Frost von -50° C trotzen können. Bei den Zulieferungen für die Rallye Dakar sind es wiederum rasch einmal +40° C. Das Material muss allein gegen diese äusseren Herausforderungen entsprechend viel-seitig gewappnet sein. Etwa 80 bis 100 Krane werden jährlich verkauft, die nicht nur für Massenware, sondern vermehrt auch für Container nachgefragt werden.

 

Zwei Schwergewichte

Die beiden besonderen Schmuckstücke, an denen sich das Herz des Technikers erwärmt, sind zur Zeit der LHM 800 und der LRS 545. Ersterer ist die zur Zeit modernste mobile Lösung von Liebherr für den Containerumschlag und bringt es bei einer Höhe von 36 m und einer Reichweite von 64 m auf eine Hubkraft von 308 t. Im Tandem sind es entsprechend 616 t. Das Eigengewicht eines LHM 800 von 820 t auf 36 Achsen und 144 Reifen ist eine Herausforderung an sich – die im Transport nach Montevideo, Uruguay, im Sommer 2016 bereits in doppelter Ausführung bestanden wurde (s. ITJ 37-38/2016, S. 16).

 

Der LRS 545 wiederum ist der Reachstacker, der seit Mai des Jahres bei Liebherr in die Vermarktung gegangen ist. Ca. 30 Einheiten wurden 2016 bereits abgesetzt. Es ist das Ziel, mit 150 Einheiten im Jahr etwa 10% des weltweiten Marktes abzudecken.

 

Gang in die Konstruktion

 Projektleiter Keno Dirks ist sichtlich stolz auf die Arbeit in den lang gestreckten Werkhallen in Rostock. «Die Produktionstiefe ist hoch, und die Ausstattung wird in-house erstellt. Wir haben kaum dritte Zulieferer», betont er. Bereits die 2600 t Stahl, die jährlich das Werk per Zug erreichen, sind nach Herstellern und Material handverlesen. Die Reinigung und Entfernung der obersten Oberfläche ist nur ein erster Schritt, denn nach der Verarbeitung der Module von bis zu 80 m Länge werden nach Wasserreinigung und Sandstrahlen bis zu vier Lackierungen übereinander aufgebracht. Zuverlässigkeit ist also oberstes Gebot.

 

In Werkhalle 3 ist es schliesslich soweit: Wir werden Zeuge dessen, was auch nüchterne Techniker eine Hochzeit nennen. Turmhoch senkt sich die Kranbasis von ca. 80 t auf die Drehbühne und den Unterwagen, die etwa 200 t wiegen, und wird verriegelt. Nun kann der halbfertige Kran innerhalb der Werkhalle gestartet und aus eigener Kraft zur Endmontage fahren. «Hier wird das zweite Kranpaar erstellt, dass nach Bronka 2 geht,» macht sich Dirks durch den Lärm vernehmlich, als er nach der Destination gefragt wird. Die RoRo-Rampen und Containerbrücken, über die die gefertigten Krane am Kai umgeladen und per Schiff nach Russland geschafft werden können, sind in unmittelbarer Reichweite.

 

Standort im Ausbau

Das ganz besondere Etwas vom Standort Rostock liegt in den Köpfen. So sind hier neben den Experten vor Ort u.a. die Liebherr-Akademie, die bis zu 176 Lehrlinge aus- und Mitarbeiter fortbildet, und das Maritime Training Centre angesiedelt, in dem das Personal von Kunden, z. B. Kranführer, mit eigenen Geräten geschult und auf den Einsatz vorbereitet wird.

 

Der Standort in Rostock wächst. 2002 gegründet und wegen seiner Lage am Wasser für den Umschlag von Produkten gut geeignet, wurden von Liebherr seit Anfang des Jahres 2016 Produktion, Vertrieb und Kundendienst für Hafenmobilkrane, Schiffs- und Offshore-Krane sowie Reachstacker an der Ostsee zusammengeführt. Der Prozess war bereits 2014 initiiert worden, um die Kompetenzen nach Sparten weitgehend zu bündeln. Dennoch bleiben die Liebherr-Bereiche verzahnt, denn der Fertigungsverbund mit den drei Standorten Killarney in Irland, Sunderland in Grossbritannien und Nenzing in Österreich besteht fort, was u.a. dem Offshore-Sektor zugute kommt.