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  • Handelsschiffe könnten künftig grösstenteils von Land aus gesteuert werden.

12.03.2014 Von: Antje Veregge


Shipping
Artikel Nummer: 5183

Alle Mann an Land

Die Automatisierung verschiedener Aspekte der Logistikkette ist bereits seit längerer Zeit ein Thema. Mit einem Konzept für unbemannte Schiffe will ein Forschungskonsortium die Technologisierung im Warentransport einen entscheidenden Schritt vorantreiben.


Die Handelsschifffahrt hat ein Nachwuchsproblem. Seeleute sind oftmals wochen- oder monatelange lang fernab von Freunden und Familien auf Reisen und für Reedereien ist es zunehmend schwieriger, qualifiziertes Personal zu finden. Im Zusammenhang mit steigenden Bunkerpreisen wird die Praxis des Slowsteamings zudem immer attraktiver. Somit verlängert sich die Reisezeit, während sich durch zunehmende Automatisierungsprozesse an Bord anfallende Arbeitsabläufe immer stärker verringern. Crews sind somit immer längeren Phasen mit weniger Beschäftigung ausgesetzt.

 

Das Potenzial zur Einsparung von Personal ist gross. Hier setzt ein Konsortium aus insgesamt acht Partnern, unter anderem dem in Hamburg angesiedelten Fraunhofer Institut und dem norwegischen Forschungszentrum für marine Technologien Marintek, an und befasst sich mit einem Konzept für unbemannte Schiffe, sogenannte Schiffsdrohnen.

 

Die EU fördert das im Herbst 2012 ins Leben gerufene und auf drei Jahre ausgelegte Projekt «Munin» mit einer Summe von 2,9 Mio. EUR. Der Name steht für «Maritime unmanned navigation through intelligence in networks». Dabei sollen bestehende Einheiten mit Systemen gegen Kollisionen, für die elektronische Positionierung und Satellitenkommunikation ausgestattet werden. Eine ausgefeilte Technologie, um Hindernisse zu erkennen und ihnen auszuweichen, ist in diesem Zusammenhang essentiell. Darüber hinaus müssen die Schiffsdrohnen mit Positions- und Navigationssystemen ausgestattet sein, um den exakten Aufenthaltsort sowie die Reisegeschwindigkeit und den Kurs zu bestimmen und kontrollieren. Zudem ist es wichtig, den Schiffsmotor mit Kontrollsystemen an Bord auszurüsten, um das Schiff und die Ausrüstung ständig kontrollieren zu können.

 

Spezialwissen an Land

Nach Plänen von Munin sollen an Land stationierte Crews die Betriebsabläufe der Schiffe kontrollieren und notfalls in diese eingreifen. So könnte ein Kapitän aus seinem Kontrollzentrum eine ganze Flotte dirigieren und sich dabei zudem auf bestimmte Gefahrengebiete spezialisieren. Die sogenannten «autonomen» Schiffe sollen dabei künftig allerdings nicht vollkommen unbemannt fahren, sondern lediglich auf der Reise von Lotsenstation zu Lotsenstation auf Besatzung verzichten. Das vergleichsweise kritische Anlegen und Verlassen eines Liegeplatzes soll auch in Zukunft mit einer Mannschaft an Bord stattfinden. Durch diese Praxis soll die Unfall- und Fehlerquote an Bord auf ein Minimum reduziert werden. Das Konsortium zitiert Studien, nach denen 75% der maritimen Unfälle auf menschliches Versagen zurückzuführen sind. Ein Grossteil davon beruhe auf Übermüdung oder mangelnder Aufmerksamkeit.

 

Wo eine Gefahrenquelle minimiert wird, eröffnet sich hier jedoch eine neue. Für eine zentrale Steuerung an Land sind verlässliche und sichere Kommunikationsverbindungen unabdingbar. Deren Gewährleistung ist eine Sache. Das Risiko, dass autonome Schiffe zum Ziel von Cyberangriffen werden, eine andere. Zudem geht Autonomie mit mehr Unsicherheit, wie eine Operation tatsächlich ausgeführt wird, einher. Wie die International Chamber of Shipping anführt, müssten für die unbemannte Schifffahrt bestehende Regelwerke komplett umgeschrieben werden, was Jahre dauern dürfte. Drohnenschiffe sind somit zwar noch Zukunftsmusik. Sollten sie zum Einsatz kommen, dürfte das allerdings mit einem Paukenschlag geschehen.

 

 

 

 

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