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  • Thomas Sticht – vor Preisen fürs Unternehmen.

Von: Christian Doepgen


Artikel Nummer: 37874

Die jungen Wilden

Die Speditionsbranche ist altbacken, hierarchisch und unmodern? Von Digitalisierung kann hier keine Rede sein? Und wenn, dann allenfalls als arbeitsplatzvernichtende Technologie? Fehlanzeige! Ein Gegenbeispiel lässt sich u.a. bei Linz in Österreich finden. Mit Thomas Sticht, einem der Gründer und Manager von ACS Logistics, sprach Christian Doepgen über die feinen Unterschiede, die es ausmachen.


 

 

Das Outfit stimmt ebenso wie die Tradition. Manager Thomas Sticht tritt im Polo-Shirt auf, wenn auch die Gründer­tage im Büro-Container bis 2011 zurückgehen, ACS in diesem Jahr also sein zehn­jähriges Jubiläum feiern kann und in 2021 mit 45 Mitarbeitern voraussichtlich etwa 40 Mio. EUR Umsatz schreiben wird. Hier ist etwas anders – aber was?

 

 

Andere Atmosphäre

«Wir leben die Startup-Kultur», erläutert Sticht. Und was hat man sich genau darunter vorzustellen? Es geht um Chancengleichheit – Bewerber werden unabhängig von der Vorbildung vornehmlich nach ihrem Persönlichkeitsprofil, auch mit Unterstützung dritter HR-Profis, eingestellt. «Kein Bewerber hat drei Monate Zeit für ein Auswahlverfahren», erläutert Sticht, und macht klar, worauf bei ACS Logistics auch in der Kommunikation wert gelegt wird: «Es muss schnell, informell und direkt gehen.» Zudem wird nach Leistungs-Kriterien befördert, in individuellen Entwicklungs-Konzepten für jeden Mitarbeiter gedacht und in flachen Hierarchien agiert.

 

 

Selektive Kunden

Der Erfolg der Firma jedenfalls spricht für sich. «Wir können uns vor Arbeit nicht retten», berichtet Sticht, der in diesem Jahr noch eine «Mega Peak Season» auf die Branche zukommen sieht.

 

Zwar haben alle Logistiker derzeit viel zu tun, aber die Expansion von ACS Logistics begann früher. Sticht: «Wir verzeichnen seit geraumer Zeit 30% Wachstum pro Jahr.» Das Erfolgsgeheimnis besteht nach seiner Definition in der bedacht ausgewählten Kundenbasis, denn Österreich ist eine Wirtschaftslandschaft, die zu etwa 95% aus KMU besteht. «Wir weisen insgesamt keine grosse Durchdringung des Marktes auf,» erläutert Sticht, «haben aber mit jedem Kunden ein enges Verhältnis.» In der individuellen Betreuung liegt dabei das Erfolgsgeheimnis, was sich u.a. in einer niedrigen Reklamationsquote niederschlägt. Der beste Mix sind motivierte Mitarbeiter im Zusammenspiel mit schlanken Prozessen und dem richtigen technologischen Ansatz.

 


Smart, aber richtig

«Wir sind auf dem Weg vom Spediteur zum smart forwarder», beschreibt es Sticht, der einräumt, dass der Anglizismus recht abgegriffen ist. Mit dem frühen Einsatz der Plattform «Cargowise» hat sich ACS Logistics in Österreich früh technologisch positioniert und baut die Anwendungen individuell aus. Dass 90% der Dokumente das System papierlos durchlaufen, ist dabei nur ein Aspekt. Jeder Mitarbeiter verfügt ein eigenes technologisches «Cockpit» an seinem Arbeitsplatz. Wie das geht?

 

«Mit einem Plug-In fürs Outlook werden die einlaufenden Kunden-Mails sortiert, eingelesen und soweit möglich vorbearbeitet», erklärt Sticht. So hat der Mitarbeiter die Möglichkeit, sich mit weniger Stress auf die Kundenbetreuung zu konzentrieren und das Service-Niveau hochzuhalten. Nach Messung wird so bis zu 17% Arbeitszeit pro Sendung eingespart.

 

Ebenso sieht Sticht das klassische «Tracking und Tracing» als ein Modell der Vergangenheit an, dass dem Kunden neben wichtigen oftmals ungefragt überflüssige Informationen zukommen lässt. «Wir wollen vom ungefilterten Textstatus hin zu intelligenten visuellen Modus», sagt Sticht, und führt mit Hilfe seiner Grafiker 3D-Bilder von intermodalen Transportträgern vor, die vor einem Landschaftshintergrund individuell eingefärbt und mit Zusatzinformationen des jeweiligen Versandstatus versehen werden. Somit erhält der Kunde neben dürren Informationen noch ein emotionales Erlebnis obendrauf.

 

Unbemerkt geblieben ist der Weg von ACS Logistics nicht. Hinter Sticht beweist eine Trophäenwand, dass die Leistungen des ausgewachsenen Startups bereits mehrfach gewürdigt wurden. Der österreichische Hermes-Wirtschaftspreis ist u.a. gleich zwei Mal darunter, 2019 für die Kategorie Logistik und 2020 für Dienstleistung. «Unser Geschäftsmodell bleibt das eines regionalen Dienstleisters», sagt Sticht. Angesichts der gefühlten Dynamik klingt das nach elitärem Understatement.