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  • RZD setzt auf Leistungsstärkere Lokomotiven und HGV-Strecken.

23.10.2014 Von: Christine Kulke-Fiedler


Intermodal / Strasse
Artikel Nummer: 7782

Stärke und Geschwindigkeit

Das Eisenbahnunternehmen RZD sieht sich unverdrossen auf der Überholspur. Mit Investitionen in neue Lokomotiven und Waggons, Hochgeschwindigkeitszügen und geplanten -Strecken sowie Tests alternativer Motoren und Treibstoffe rüstet man sich für die Zukunft. Auf der Messe Innotrans in Berlin sprach der erste Vizepräsident Valentin Gapanowitsch mit ITJ-Chefredaktor Christian Doepgen.


Herr Gapanowitsch, JSC Russian Railways und OJSC Transmashholding planen, gemeinsam die weltweit stärksten Lokomotiven 4ES5K Jermak und 2ES5 Skif zu bauen. Erstere werden voraussichtlich bereits im November 2014 zugelassen sein. Welche Verbesserungen versprechen Sie sich?

Diese neue Serie von Frachtlokomotiven, 2ES5 Skif und 4ES5K Jermak, wird auf der 2436 km langen Strecke Mezhdurechensk–Taischet–Taksimo zum Einsatz kommen, als Teil der Krasnojarsker und Ostsibirischen Eisenbahn. Diese 2ES5 können, in einer modifizierten Dreier-Einheit verwendet, Güterzüge mit bis zu 6300 t Fracht ohne Schublokomotiven bedienen. Die derzeit gültige Norm für die 3ES5K Lokomotiven dieses Segments sind 6000 t auf der Strecke Mezhdurechensk–Taischet–Korschunikha (mit drei Schubeinheiten) und 5800 t über Korschunikha–Taksimo (mit vier Schubeinheiten). Im Rahmen des Entwicklungsprogramms plant RZD derzeit, bis 2020 200 2ES5-Lokomotiven und mit 70 Stück eine begrenzte Anzahl der 4ES5K zu kaufen. Auf der Grundlage unserer praktischen Erfahrungen werden wir über weitere Anschaffungen nachdenken.

 

Moderne Frachtlokomotiven, insbesondere die 2ES10 Granit, reduzieren den Energieverbrauch um bis zu 30%. Welchen Lieferumfang plant RZD hier?

Nach unseren Verträge mit dem Hersteller planen wir, bis 2016 insgesamt 220 2ES10 Granit-Lokomotiven zu kaufen. Mit den erworbenen 112 Stück sind bereits 51% der vereinbarten Stückzahl ausgeliefert. Weitere Zukäufe bis 2020 sind auf der Basis neuer Verträge in Aussicht.

 

Um die Wirksamkeit des Schienengüterverkehrs zu steigern, setzt RZD Vielzweck-Container und Huckepack-Plattformen ein. Welche Fortschritte hat Ihr Unternehmen in diesem Bereich bisher erzielt?

In der ersten Hälfte 2014 haben wir 6,9% mehr beladene und leere Container bewegt als im Vorjahreszeitraum, wozu der Export ebenso wie der Inlandverkehr beigetragen haben. Für den Containertransport haben wir die Produktion des Plattformwaggons 13-9961 gestartet, der bereits zugelassen ist. Die Waggons werden von Federal Freight für Container- und Huckepack-Transporte eingesetzt. Die Wagen können z.B. auch Autos bei einer Gesamtlänge bis zu 20 m, 3 m Breite, 4,2 m Höhe und einem Gewicht bis maximal 44 t befördern. Die Gesamtkapazität dieses neuen Typs liegt mit 55,5 t noch höher, die Achslast beträgt 21,5 t und die Höhe die Ladeplattform 1100 mm oberhalb der Schiene. Das Abstandsmass beträgt 1-T.

 

Die Modernisierung von Schienenfahrzeugen ist in den Augen der westlichen Kunden besonders wichtig und ein Wachstumsfaktor. Im Jahr 2014 haben die Russischen Eisenbahnen 393 Lokomotiven und 194 Triebzüge gekauft. Behalten Sie dieses Tempo bei?

Im Rahmen des Entwicklungsprogramms zur Lokomotivenproduktion wird RZD über 630 neue Lokomotiven in diesem Jahr, gegenüber 804 im Jahr 2013, erwerben. Der Trend zur Modernisierung unserer Waggons wird im gleichen Tempo fortgesetzt.

 

Am 1. August startete der Dienst mit gekoppelten Sapsan-Zügen zwischen Moskau und Sankt Petersburg. Bitte kommentieren Sie dieses Pilotprojekt.

Dies ist ein wichtiges Ereignis. Erstmals haben gekoppelte Hochgeschwindigkeitszüge der Marke Sapsan den Betrieb aufgenommen, mit einer Geschwindigkeit von bis zu 250 km pro Stunde. Diese Züge mit 20 Wagen haben eine Gesamtlänge von über 500 m und können 1050 Passagiere befördern. Derzeit verkehren zwei Paare dieser Züge auf der Strecke mit einer Belegung von ca. 87%.

 

RZD will sein Hochgeschwindigkeitsnetz bis nach Sibirien ausdehnen. Wie verlief die Jungfernfahrt der «Lastotschka» zwischen Barnaul und Nowosibirsk? Welche weiteren Pläne haben Sie?

Der am 15. August 2014 mit der Westsibirischen Eisenbahn erfolgte Probelauf des Hochgeschwindigkeitszugs Lastotschka («Schwalbe») fand auf der Route Barnaul–Nowosibirsk–Barnaul statt. Übrigens ein historisches Datum, das den 100. Jahrestag des Baus der Eisenbahnlinie zwischen Nowosibirsk (das damals noch Nowoni-kolajewsk hiess) und Barnaul markiert. Die Reisezeit betrug drei Stunden und 20 Minuten, so dass wir die technischen Möglichkeiten für die Einführung eines regelmässigen Dienstes dieser Art auf der Westsibirischen Eisenbahn prüfen.

 

Die geplante Hochgeschwindigkeits­strecke zwischen Moskau, Wladimir, Nischni Nowgorod und Kasan ist ein vorrangiges Vorhaben von RZD. Was können Sie uns über die technischen Perspektiven des Projekts berichten?

Das Projekt ist ein Meilenstein unseres Transportprogramms bis zum Jahr 2030. Den Bau der Hochgeschwindigkeits-Trasse zwischen Moskau und Kasan sehen wir als erste Phase der Einführung eines Hochgeschwindigkeits-Eisenbahntransports in der Russischen Föderation überhaupt an. Die Route wird sieben russischen Regionen verbinden: Moskau und sein Umfeld, Wladimir, Nischni Nowgorod, die Republik Tschuwaschien, die Republik Mari El und die Republik Tatarstan.

 

Die Inbetriebnahme dieser Strecke wird es uns erlauben, die Fahrtzeit zwischen Moskau und Kasan um den Faktor vier zu verringern: von derzeit 14 auf bis zu 3,5 Stunden; die Laufzeit von Nischni Nowgorod nach Kasan wird noch drastischer verkürzt von 10 Stunden und 32 Minuten auf bis zu anderthalb Stunden. Die durchschnittliche Laufzeit zwischen den Hauptstädten der Regionen reduziert sich auf eine Stunde.

 

Die fälligen Gesamtinvestitionen von ca. 220 Mrd. RUB (4,4 Mrd. EUR) werden allein in der Bauphase 375 000 neue Arbeitsplätze schaffen und die Bauindustrie beflügeln. Bei einer Länge von 770 km von Moskau bis Kasan und einer Spurbreite von 1520 mm planen wir eine mögliche Geschwindigkeit von bis zu 400 km pro Stunde. Die operativ effektiv mögliche Betriebsgeschwindigkeit der Hochgeschwindigkeitszüge bilden die Parameter der Wirtschaftlichkeit.

 

Wir bereiten uns auf dieses Projekt der Hochtechnologie vor. So haben wir am 24. September mit Infotrans und Siemens eine genaue technische Analyse des aktuellen Zustands der Infrastruktur der Hochgeschwindigkeitsbahn in der Russischen Föderation vereinbart. In der ersten Phase kommt ein von Infotrans auf den Sapsan-Zügen installiertes Informationen-Messsystem zum Einsatz. Die Ergebnisse werden uns helfen, die Qualität der Infrastruktur zu verbessern und die Wartungskosten zu senken.

 

Welche Geschwindigkeit ist realistisch?

Wir sehen für Passagierzüge Geschwindigkeiten von bis zu 250 km pro Stunde, für Containerzüge in der Nacht von bis zu 160 km pro Stunde. Als weiteren Entwicklungsschritt der Linie betrachten wir ihre Ausdehnung bis Jekaterinburg.

 

Welche technischen Projekte wird RZD von 2014 bis 2015 priorisieren?

Derzeit führen wir Testfahrten mit der über eine Gasturbine betriebenen Lokomotive GT1h-001 auf der Swerdlowsker Eisenbahn durch, auf der Strecke von Jegorschino zu Serow. Basierend auf den Ergebnissen des Betriebs mit Gasturbine haben wir das Design entwickelt, wobei wir den Prototyp GT1h-002 auf das Untergestell der TEM7A Diesellokomotive montiert haben. Auf der Grundlage der Ergebnisse dieser Tests werden wir noch 2014 in der Lage sein, unseren Bereich für die Inbetriebnahme der neuen Lok vorzulegen. Nach der Vereinbarung von RZD und der Sinara Group sollen bis 2020 genau 40 dieser Lokomotiven für die Swerdlowsk und die nördlichen Eisenbahnen gebaut sein – Regionen, in denen viel Erdgas gefördert und verflüssigt wird.

 

Um den Erdgaseinsatz im Transportwesen weiter zu fördern, hat das Unternehmen Brjansk Maschinenbau nach den Studien des Russischen Technologie-Instituts für Forschung und Design die sechsachsige TEM19-001 Gas- und Elektrolokomotive entwickelt. Diese hat eine Kapazität von 1000 kW für den elektrischen Betrieb und einen Gaskolbenmotor, der auf den Betrieb mit Erdgas ausgelegt ist. Bis zu 5 t LNG-Treibstoff kann die Lok in einem Tieftemperatur-Tank befördern. Die Lokomotive wird derzeit ebenfalls von der Swerdlowsker Eisenbahn, im Lok-Depot Jegorschino, mit einer Testreihe geprüft, die in diesem Jahr abgeschlossen sein soll. Wir werden die Tests von LNG- Lokomotiven fortführen.

 

Nach der Unido-Konferenz im April 2014 hat der RZD beschlossen, bis zu 30 Mio. USD in Projekte zu investieren, die die Entsorgung von hartnäckigen Umweltschadstoffen zum Ziel hat. Was sind die Elemente dieser Initiative?

Mit dem Bundesgesetz Nr. 164-FZ vom 27. Juni 2011 hat die Russische Föderation die Stockholmer Konvention über schwer abbaubare organische Schadstoffe in nationales Recht überführt. Als umweltbewusstes Unternehmen hat der RZD in Zusammenarbeit mit der Unido (Organisation für industrielle Entwicklung der Vereinten Nationen) ein Projekt initiiert, das u.a. die Kontrolle von mit Erdöl verschmutzter elektrischer Ausrüstung beinhaltete. Im Jahr 2012 haben eine gemeinsame Expertengruppe der Unido und der RZD die besten Praktiken der europäischen Marktführer dieser Technologien geprüft und einen Bericht über die Entstehung und Vermeidung von kontaminierten Geräten und Materialien in unserem Unternehmen vorgelegt.

 

Im Oktober 2013 haben Unido-Generaldirektor Li Yong und RZD-Präsident Wladimir Jakunin eine Vereinbarung über die Unterstützung und Förderung von ökologisch nachhaltigen Lösungen in der Russischen Föderation unterzeichnet. Wir planen zusammen mit der Unido, und gemäss der Konvention von Stockholm 2014 das Projekt «Umweltfreundliche Regulierung und Beseitigung der von mit schwer abbaubare organische Schadstoffen kontaminierten Geräte und Materialien» umzusetzen. Gemäss den Anforderungen des Global Environment Fund für die Finanzierung des Projekts hat RZD zugestimmt, folgende Summen als Technologie-Partner in das Projekt zu investieren: 19 Mio. USD als Zuschuss und 11 Mio. USD als Sachspende.

 

Dies ist ein Pilotprojekt und ich hoffe, dass wir die Ergebnisse unserer Arbeit mit der Unido als Erfahrungswert in andere Branchen übertragen können.

 

Welche Erwartungen haben Sie in Bezug auf die Beteiligung Ihres Unternehmens an der Innotrans 2014 in Berlin?

Ich bin kein Politiker, sondern auf der ­Suche nach interessanten Ideen und inno­vativen Lösungen in Eisenbahntechno­logie und setze darauf, die Zusammen­arbeit mit unseren ausländischen Partnern zu stärken und auszubauen. In Berlin treffe ich u.a. Vertreter von Alstom und Stadler. Alle Partner möchten trotz der Sanktionen gute Ergebnisse erzielen.