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  • Das Khorgos - Eastern Gate.

21.06.2017 Von: Manik Mehta


Forwarding & Logistics
Artikel Nummer: 19322

Samt und Seide

Mit grosszügigen Infrastrukturprojekten will China die ehrgeizige «neue Seidenstrasse» vorantreiben. ITJ-Korrespondent Manik Mehta hat besonders das Bestreben Beijings nach dem Ausbau eines umfangreichen zentralasiatischen Netzes untersucht.


 

Chinas Präsident Xi Jinping zieht die «neue Seidenstrasse» durch. Mit der Initiative «One-Belt-One-Road» (OBOR) will das Reich der Mitte die Globalisierung vertiefen und dem eigenen Aussenhandel neue Impulse verleihen. Die Mitte Mai in Beijing versammelten 29 Staats- und Regierungschefs wollten auf dem ersten offiziellen OBOR-Gipel die Rahmenbedigungen zur Wiederbelebung des west-östlichen Handelsweges erörtern. Der im internationalen Rampenlicht stehende chinesische Präsident sprach von der Gründung «einer Familie des harmonischen Miteinanders der Nationen» und kündigte konkret an, in einer ersten Finanzierungsrunde 110 Mrd. EUR entlang der neuen Handelskorridore für Bahntrassen, Häfen und die übrige für den Handel benötigte Infrastruktur, zu investieren. Die Idee: Wo einst Seide, Gewürze, Tee, Porzellan, Gold und Silber entlang der antiken Seidenstrasse gehandelt wurden, sollen künftig Hochgeschwindigkeitszüge und Frachtwaggons rollen, Öl und Gas durch neue Pipelines fliessen, Strassen und Häfen entstehen sowie Unternehmen sich in ausgewiesenen Wirtschaftszonen ansiedeln.

 

Beim OBOR-Projekt stehen zwei Strecken im Mittelpunkt: der Seeweg über Südasien und Afrika Richtung Mittelmeer und der Überlandweg durch Zentralasien nach Mitteleuropa. Die Länder entlang dieser Korridore sollen Wirtschaftshilfen und Investitionen erhalten und sich auch untereinander vernetzen. Doch viele Beobachter kritisieren die mangelnde Transparenz und fragwürdige Kreditkonditionen der chinesischen Banken. «OBOR besteht weniger aus Investitionen als aus Krediten, die samt Zinsen an die chinesischen Banken zurückgezahlt werden müssen», meint der in Mumbai ansässige Logistikexperte Arvind Desai. Indische Bedenken richten sich insbesondere auf den geplanten chinesisch-pakistanischen Wirtschaftskorridor, der durch den umstrittenen Kaschmir führen soll.

 

 

Befindlichkeiten berücksichtigen

In Zentralasien haben chinesische Firmen hingegen bis jetzt keine nennenswerten Probleme gehabt. Aber grosse Infra­strukturprojekte sind auch mit Herausforderungen verbunden, wenn es um die knapp werdenden Ressourcen wie Strom, Wasser und Strassenraum. geht. Bei einer als bevorzugt wahrgenommenen Berücksichtigung von Chinesen kann sich die einheimische Bevölkerung benachteiligt fühlen.

 

Für China selbst wiederum gilt OBOR als ein Wachstumsmotor und ein Mittel zum Ausgleich zwischen dem gut entwickelten Osten und dem strukturschwachen Inneren und Westen des Landes. So spielen Zentralasien und die chinesische Grenzregion Xinjiang eine strategische Rolle bei dem Projekt, das ein dichtes Netz von Strassen- und Bahnrouten, Öl- und Erdgaspipelines sowie weiteren Infra­strukturprojekten von Xi’an in Zentralchina über Zentral­asien bis nach Europa vorsieht. Während Beijing die sich neu bietenden Geschäftschancen ausnutzen will, muss es auch mit der hauptsächlich turkstämmigen Bevölkerung  der zentralasiatischen Republiken gut auskommen.

 


Zentralasiatische Naturschätze

Durch den Bau einer Gas-Pipeline zwischen China und Zentralasien hat die Volksrepublik bereits Zugang zu wichtigen Energie- und Mineralressourcen seiner Nachbarn erhalten. Diese Pipeline mit Ursprung in Turkmenistan ist über Usbekistan und Kasachstan mit Westchina verbunden. Eine im Bau befindliche vierte Pipeline in Tadschikistan wird Gas über Usbekistan und Kirgisistan transportieren und das Netz in jedem zentralasiatischen Staat weiter ausbauen.

 

Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan sind auch Transitländer für nach Europa exportierte chinesische Güter. In diesen Ländern ist China bereits in einigen Projekten involviert – z.B. am Khorgos-Binnenprojekt mit Freihandelszone an der kasachisch-chinesischen Grenze sowie am Bau neuer Fernstrassen in Tadschikistan und Kirgisistan.

 

 

Regionale Risiken

Den grossen Chancen stehen aber auch Hindernisse im Weg. Dazu gehören instabile Regierungen in einigen Ländern, unklare Grenzen, islamistischer Radikalismus kombiniert mit einem mangelhaften Sicherheitsapparat sowie fehlenden Arbeitskräften zur Unterstützung und Implementierung solcher Riesenprojekte; darüber hinaus sind endemische Korruption und staatliche Einmischung bei strategischer Investition weit verbreitet.

 

Experten meinen, wenn China alle geplanten Leitungen, Verkehrswege, Häfen und Umschlagplätze bauen würde, so müssten bis 2030 ca. 24 Bio. EUR aufgebracht werden. Es wäre das grösste Investitionsprogramm der Menschheitsgeschichte. Analysten geben zu Bedenken, dass die chinesische Bevölkerung erst einmal am meisten unter diesem gigantischen «Sprung nach vorn» leiden würde. Da China angesichts seiner riesigen Überproduktion den Export mit allen Mitteln beschleunigen muss, steckt es zugleich in einer Zwickmühle – nicht nur wirtschaftlich, sondern, je länger sich das Projekt hinzieht, desto mehr auch politisch.

 

 

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