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  • Am emissionsreduzierten Betrieb von Binnenfrachtschiffen wird gearbeitet.

01.10.2018 Von: Christian Doepgen


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Artikel Nummer: 24533

Pfiffige Ideen zu Wasser

Das Binnenschiff steht selten im Rampenlicht der Zukunftsdebatten oder technischen Innovationen. Neue, umweltfreundliche Lösungen für den Transport auf Binnenwasserstrassen wurden kürzlich unter anderem auf der Messe SMM in Hamburg präsentiert.


Bei Innovationen in der Schifffahrt ist das Binnenschiff ein Stiefkind – obwohl es hier ebenso viel zu berichten gibt wie über die Transportleistung dieses Verkehrsträgers. Bisweilen gerät nämlich über die nackten Zahlen der grosse Trend ausser Sicht. Aus der Vogelperspektive: Die europäische Binnenschifffahrt hat im Jahr 2017 zugelegt. Der Containerverkehr in der EU stieg 2017 insgesamt um 6%. Mit dem Transport von ca. 2,37 Mio. TEU im vergangenen Jahr ist z.B. der traditionelle Rhein-Containerverkehr seit Beginn des Jahrtausends um 84% gewachsen.

 

Auch wenn einige Schüttgüter auf den europäischen Binnenwasserstrassen zurückgingen, stimmt die Bilanz – so wurden in der deutschen Binnenschifffahrt mit 222,7 Mio. t gerade einmal 0,6 % mehr Güter als im Vorjahr befördert, in den Niederlanden hingegen transportierten Binnenschiffe 2017 über 368 Mio. t Güter, ein Plus von 4,8%.

 


Flexibler Verkehrsträger

Die sich allmählich entschärfende sommerliche Problematik des Niedrigwassers (s. ITJ 35-36/2018, S. 10) verdeckt u.a. die Erkenntnis, dass sich die Binnenschifffahrt z.B. während der achtwöchigen Rastatt-Krise der Bahn im Spätsommer 2017 besonders bewährt hat. Ein ganzer Strauss von Massnahmen erfolgte, so u.a. seitens Contargo, die zusätzliche Binnenschiffe von Emmerich und Duisburg bis Basel fahren liessen, wo auf Initiative der Schweizerischen Rheinhäfen neu 135 m lange Schiffe zum Verkehr auf der Strecke Basel–Rheinfelden zugelassen wurden.

 

Dieser beispielhafte Substitutionseffekt der Binnenschifffahrt in Bezug auf andere Verkehrsträger geht zusätzlich mit der Tatsache einher, das die Binnenschifffahrt als besonders umweltfreundlich gilt.

 

«Ein Schiff kann bis zu 200 Lkw ersetzen», berichtet Fabian Spieß, Referent beim Bundesverband der ­Deutschen Binnenschifffahrt in Duisburg. Tatsächlich produzieren Binnenschiffe pro Tonne Fracht erheblich weniger CO2 als Lkw.

 

 

Neue Form elektrischen Antriebs

Umweltverbände kritisieren allerdings, dass die Binnenschiffe bei der Verbreitung weiterer Luftschadstoffe wie dem Feinstaub den Lkw wenig nachstehen. Ein Grund des Übels sind die Dieselmotoren – und an dieser Stelle wird jetzt angesetzt. Im Rahmen der Schifffahrtsmesse SMM in Hamburg haben das niederländische Port Liner und H2-Industries die Entwicklung und den Bau von vollelektrischen Transportschiffen bekannt gegeben. Port Liner hatte bereits im Januar 2018 den Bau von mehr als zehn elektrischen Containerschiffen mit Kapazitäten von 24 bis 280 TEU bis zum dritten Quartal 2018 angekündigt, die u.a. zwischen dem De Kempen-Terminal in den südlichen Niederlanden bis zum Hafen Antwerpen zirkulieren sollen. Jetzt tritt eine neue Initiative in Gestalt der so genannten Lohc (Liquid Organic Hydrogen Carrier)-Stromspeichertechnik auf den Plan. Die Firma H2-Industries wurde 2010 vom Unternehmer Michael Stusch gegründet, der Produktionsstandort liegt beim deutschen Rostock.

 

In dem ölartigen Lohc, schwer entflammbar und nicht explosiv, wird Wasserstoff chemisch gespeichert, wie Diesel gelagert und in gleicher Tankzeit in die Brennstoffzellen gefüllt. Ton van Meegen, CEO von Port Liner und ein Hoffnungsträger alternativer Transporttechnologie der EU, spricht von einer «Revolution», denn ein Lohc-Speicher in TEU-Grösse kann rund zwanzig Mal mehr Strom speichern als eine Batterie gleichen Volumens. Das Geschäftspotenzial ist gegeben: Über die ca. 7300 europäischen Binnenfrachtschiffe hinaus denkt van Meegen auch an die etwa 15 000 russischen bzw. 195 000 chinesischen Frachtschiffe, die umgerüstet werden könnten. Die Ambitionen sind jedenfalls gross.

 

 

Schwimmende Lagerhäuser

Eine andere Lösung z.B. für urbane Transporte liegt ebenfalls auf dem Wasser. So arbeiten die Häfen von Paris, Teil des französischen Hafenverbunds Haropaports, mit Partnern an der Entwicklung schwimmender Lagerhäuser zusammen. E-Commerce ist eine echte Herausforderung für Verkehr und Stadtgebiete, denn die zunehmende Menge kleiner Sendungen führt zu mehr Stau. Der Hafen von Paris ist daher bestrebt, über die Seine Pakete in die Metropole zu transportieren, die dann mit elektrisch betriebenen Lastenrädern und Transportern weiterbefördert werden, um die Lkw-Fahrten in der Innenstadt zu reduzieren und Staus zu vermeiden.  

 

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