Regionaler Fokus

  • Brasilien will einen Richtungswechsel in Sachen Häfen.

16.07.2013 Von: Antje Veregge


Artikel Nummer: 2540

Meilenstein am Zuckerhut

Der brasilianische Kongress und die Staatspräsidentin Dilma Rousseff haben das Gesetz zur Reform der Häfen verabschiedet. Ab sofort dürfen sich auch Schifffahrtsunternehmen um Konzessionen bewerben. Die Überlastung der Häfen erreicht derweil ein Rekordniveau.


In Brasilien ist momentan Einiges in Bewegung. Während die Bevölkerung des südamerikanischen Landes im vergangenen Monat u.a. für eine bessere Infrastruktur des Nahverkehrs demonstrierte, steht die Modernisierung der Häfen im Land bereits seit Längerem ganz oben auf der Agenda der Präsidentin Dilma Rousseff (siehe Special im ITJ 13-14 2013, S.10). Der Hintergrund ist klar: Der Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts in Brasilien belief sich 2012 lediglich auf 0,9%, während es 2011 noch 2,7% und 2010 7,5% im Vergleich zum Vorjahr waren. Für das laufende Jahr erwartet die ­Ratingagentur Standard & Poor’s ebenfalls nur ein Wachstum von 2,5%, weshalb sie die Aussichten für das Land kürzlich von stabil auf negativ herabstufte.

Mit dem «Hafen-Paket» will Rouseff nun die Exporte im Land ankurbeln und für mehr Effizienz in der Hafenwirtschaft sorgen. Bereits Mitte Mai billigte der brasilianische Kongress das Gesetz, dessen Inhalt die Präsidentin jedoch durch ihr Vetorecht vor der Unterzeichnung im Juni noch einmal modifizierte. Die zwei wichtigsten Eckpunkte des Gesetzes bleiben aber unverändert: Private Terminals dürfen künftig auch Ladung dritter Parteien umschlagen. ­Ausserdem wird künftig derjenige Anbieter eine Konzession zum Terminalbetrieb erhalten, der die günstigsten Nutzertarife anbietet. Zuvor ging der Zuschlag an den Betreiber, der die höchsten Zahlungen an die Regierung leistete.Automatische Verlängerungen der Konzessionen privater Terminalbetreiber um 25 Jahre fallen künftig zwar weg, sind aber auch nicht per se ausgeschlossen. Durch das neue Gesetz könnten mehr als 150 Konzessionen und Leasing-Verträge neu ausgeschrieben werden.

 

Wettbewerb erbeten

Eine besonders wichtige Neuerung ist der Beschluss, dass künftig auch Schifffahrtsunternehmen in unbeschränkter Form dazu berechtigt sind, sich um Hafenprojekte zu bewerben. Dadurch will die Regierung die Hafenwirtschaft neuen Akteuren zugänglich machen und für mehr Wettbewerb sorgen. Dem britischen Analysten Drewry zufolge hat der Konzessionsgeber bereits mehr als 100 neue Bewerbungen erhalten.

Den ersten Schritt zur Umsetzung ihrer Reform unternimmt die brasilianische Regierung im grössten Hafen Santos. Daneben stehen zunächst 52 Konzessionen im Bundesstaat Pará im Norden des Landes zur Disposition, unter anderem in Belém und Santarém. Über diese ­Region könnten alternative Routen für den Export von Sojabohnen geschaffen und so die Lage rund um das logistische Nadelöhr bei Rio de Janeiro, Paranagua und Santos an der Ostküste des Landes entspannt werden (siehe unten).

Brasiliens Regierung will bereits im kommenden Oktober die ersten neuen Konzessionen vergeben haben. Dieses Ziel ist zwar sehr optimistisch. Für die Häfen im Land dürfte aber dennoch schon bald eine neue Ära anbrechen. 

 

 

www.drewry.co.uk

 

 

Neue Häfen braucht das Land

Die Überlastung der brasilianischen Häfen verdeutlichen die Verschiffungen von Soja, die normalerweise im Mai stattfinden. In diesem Jahr verlängert sich die Saison jedoch bis in den Juli, da ein Rekordvolumen der Ernte die bestehende Infrastruktur völlig überfordert. Die Wartezeit von Schiffen in Santos hat mit durchschnittlich 39 Tagen ein Rekordniveau erreicht, in Paranagua sind es sogar 55 Tage. Zum Vergleich: 2012 waren es 10 bis 15 Tage. Währenddessen stieg der Preis für Sojabohnen im Mai um knapp 8% im Vergleich zum Vormonat, ein Anreiz für brasilianische Bauern künftig noch stärker auf den Anbau des Produkts zu setzen. Nach Einschätzung des US-amerikanischen Landwirtschaftsministeriums wird sich Brasilien in diesem Jahr mit einer Ernte von 83,5 Mio. t als weltweit wichtigster Exporteur der Ölsaat etablieren, nachdem die Ernte in den Vereinigten Staaten von einer starken Dürre beeinträchtigt wurde. Die wichtigsten Umschlagshäfen an Brasiliens Ostküste können diesem Volumen jedoch derzeit nicht gerecht werden.

 

 

 

 

Mehr zum Thema