Regionaler Fokus

  • Das Rezept: multimodale Kapazitäten und rasche Abfertigung an den Grenzen.

21.08.2018 Von: Christian Doepgen


Artikel Nummer: 24098

Von Westchina nach Europa

Prognosen für das Jahr 2020 gehen davon aus, dass der Handel zwischen China und Europa ein Volumen von 170 Mio. t und einen Warenwert von 1,2 Bio. USD erreichen wird. Für die eurasische Landpassage auf Routen über Kasachstan baut die EuroTransit-Gruppe eine eigene logistische Infrastruktur auf, die ab 2020 auf der Schiene 500 000 und auf der Strasse 1 Mio. TEU transportieren soll.


 

Das Unternehmen EuroTransit hat sich von Beginn an zum Ziel gesetzt, was sein Name aussagt: Eine logistische Brücke für den eurasischen Handel zwischen China und Europa schlagen.

 

Geschäftsführer Yerlan Dikhanbayev schilderte im Gespräch mit dem ITJ, wie es zur Gründung der Gruppe kam: «Selbst seit 1996 in der Logistik tätig, hatten wir uns seit langem mit dem Potenzial Kasachstans in den internationalen Handelsströmen befasst. Der Auslöser für einen Neuansatz brachten dann Vorläufer der Initiative ’Neue Seiden-strasse’, die die logistischen Möglichkeiten Kasachstans ausschöpfen will.»

 


Motor der Modernisierung

In der gemeinsamen Analyse war die grösste Herausforderung für den eurasischen Handel rasch ausgemacht. Während eine erste Basis mit Schienengüterbahn- und Strassenverbindungen gegeben war, fehlte es vor allem an der benötigten Infrastruktur an der Grenze. Es ging dabei um die gesamte Palette: multimodale Umschlagskapazitäten, Lagermöglichkeiten, Ausstattung, Verzollungs- und Dokumentationsdienstleistungen etc.

 

Diese Lücke zu schliesssen, hat EuroTransit seit 2012 zu seiner Aufgabe gemacht. Das zu 100% in privater Hand befindliche Unternehmen setzte an den Grenzübergängen an. «Der zügige Grenzübertritt ist der Schlüssel für den Erfolg des eurasischen Handels», so Dikhanbayev. Der Zeitvorteil, den der Landtransport von Waren von China nach Westeuropa potenziell ermöglicht, sollte nicht mehr durch eine mangelhafte Infrastruktur und unzureichende Abwicklung gehemmt werden. Die Dynamik eines Privatunternehmens - in Kooperation mit den Behörden, nicht zuletzt dem Zoll - sollte die Chance aussschöpfen, die sich aus der geographischen Brückenlage Kasachstans zwischen China und Europa ergibt.

 

Aktuell sieht sich Dikhanbayev in seinen Planungen durch wirtschaftspolitische Programme bestärkt. Die nationale Initiative, das kasachische Wirtschaftsprogramm Nurly Zhol «Weg in die Zukunft», welches im Jahr 2016 mit dem Blick auf Strassenbau und -modernisierung mit einer Ausstattung 9 Mrd. USD aufgelegt wurde, bildet einen Rahmen, der dem Vorhaben der EuroTransit-Gruppe zugute kommt. Daneben sorgt die chinesische Initiative der neuen Seidenstrasse für internationalen Rückenwind beim Aufbau der eurasischen Handelsverbindungen – soweit, dass EuroTransit in naher Zukunft eigene Blockzüge auf den Weg bringen will.

 

 

Grenzübergänge für Schienenverkehre

Der Kern der Aktivitäten seit 2012 lag zunächst auf dem Aufbau moderner logistischer Einrichtungen an den wichtigen chinesisch-kasachischen Grenzstationen. «Trotz der grossen Distanzen in Zentralasien kann der Schienengüter- wie auch der Strassenverkehr die Route Westchina–Westeuropa innerhalb von zehn Tagen bewältigen», führt Dikhanbayev aus, «allerdings muss die Abwik-klung nach modernen logistischen Massstäben erfolgen.»

 

An beiden Grenzübergängen für den Schienenverkehr ist EuroTransit tätig. Während in Altynkol der eigene Terminal seit 2016 operiert, wird das am Grenzübergang Dostyk im Jahr 2020 der Fall sein.

 

Die Ausrichtung der Anlagen ist identisch. Der multimodale automatisierte Terminal in Altynkol verfügt auf einem Gelände von 14 ha über je drei Gleise mit Breit- (1520 mm) und Normalspur. Zwei Krane des österreichischen Herstellers Künz mit jeweils 41 t Hubkraft sorgen für eine jährliche Umschlagskapazität des Terminals von derzeit 250 000 TEU, die bei wachsenden Volumina auf die doppelte Kapazität ausgebaut wird. Zudem verfügt der Terminal von EuroTransit über ein Zwischenlager mit einer Fläche, auf der bis zu 5120 Container Platz finden können. «Einen Blockzug mit 46 TEU können wir innerhalb von 50 Minuten be- und entladen», hebt Dikhanbayev hervor. Die Leistung entspricht also internationalem Standard.

 

Das Konzept ist nicht nur mit Kunden und Partnern breit abgestützt, sondern auch nach den Best Practices internationaler Unternehmen entwickelt worden. Unterstützung leistete dabei das deutsche Beratungsunternehmen Transcare, das für eine Ausrichtung nach dem neuesten Stand der Technik sorgte und u.a. Künz als Kranlieferant empfahl. Bei diesem Hersteller will man auch bei künftigen Anschaffungen bleiben, um alle Kransysteme synchron betreiben zu können.

 

 

Grenzübergänge für Lkw-Verkehre

An drei von den vier für Strassentransporteure offenen Grenzübergängen, d.h. Bakhty, Khorgas und Kalzhat, wickelt EuroTransit bereits viele Transitverkehre von China nach Europa ab. Am bekanntlich grössten Umschlagplatz Khorgas werden bereits heute 300 Lkw am Tag abgefertigt, in Bakhty und Kalzhat sind es jeweils 50 Lkw. Der vierte Grenzübergang Maikapchagay kommt als operative Einheit ab Mitte 2020 hinzu.

 

«Die Geschwindigkeit ist Trumpf,» erläutert Dikhanbayev, und fährt fort: «Für das Clearing eines Lkw oder eines Waggons benötigen wir maximal eine Stunde». Es stehen aber nicht nur der Transitverkehr und die Abdeckung fast der gesamten Supply Chain hinter dem strategischen Plan von EuroTransit, das Land mit einem Netzwerk von Logistikzentren zu überziehen.

 

 

Wachstumstreiber KEP

Die bestehenden Lager in Kasachstan, so in Almaty, der grössten Metropole, mit ca. 20 000 m² Fläche, in Taraz und in Shymkent, waren nur der Anfang und sind bereits durch Standorte in Kara-ganda, Atyrau und Aqtöbe ergänzt worden. Die Güterdistribution aus eigener Kraft soll landesweit möglich sein.

 

Zu diesem Zweck baut EuroTransit eine eigene Lkw-Flotte auf, für die als Basis zunächst 35 Fahrzeuge von Iveco angeschafft wurden. Die in Kasachstan besonders hohe Dynamik des E-Commerce treibt die Vorhaben des Logistikunternehmens voran. «In Kasachstan verzeichnen wir einen hohen Nachholbedarf im E-Commerce mit dreistelligen Wachstumsraten von Jahr zu Jahr», schildert Dikhanbayev die Situation, «deswegen bauen wir unsere Kurier- und Expresskapazitäten mit Lieferung auf der letzten Meile konsequent aus.»

 

Das Netzwerk von EuroTransit mit seiner gesamten Infrastruktur, darunter die sechs verschiedenen Logistikzentren, Zollabwicklungs- und Transportkapazitäten, bietet heute bereits Haus-zu-Haus-Lieferungen in ganz Kasachstan.

 

 

Eigene Blockzüge auf neuen Wegen

Trotzdem liegt der Schwerpunkt der Gruppe weiterhin auf dem eurasischen Transitverkehr. Zur Zeit wird eine neue Route von China über Kasachstan, über das Kaspische Meer, Aserbeidschan und Georgien sowie schliesslich über das Schwarze Meer bis Konstantza in Rumänien geprüft.

 

«Die Analysen sind weitgehend abgeschlossen, und wir werden den ersten Pilottransport noch in diesem Jahr durchführen», sagt Dikhanbayev. Mit seinem jüngsten Plan zeigt das Privatunternehmen aus Kasachstan allerdings, in welchen Grössenordnungen man in Mittel-asien zu denken versteht. «Zur Zeit bauen wir unsere Kundenbasis in Westeuropa, Russland und Zentralasien weiter aus», erläutert Dikhanbayev, «um unsere eigenen Blockzüge auf den Weg zu bringen.»

 

Hierfür investiert das Unternehmen kräftig. Mit einem russischen Hersteller wurde ein Vertrag mit einem Lieferwert von 45 Mio. USD abgeschlossen, der auf eine Produktion von 1000 neuen Waggons ausgelegt ist. Die erste Charge von 50 Waggons wird im Oktober 2018 ausgeliefert, danach folgen monatlich jeweils weitere 50 Stück. Die Blockzüge sollen von China mit Destinationen in Kasachstan, Russland, Usbekistan and Europa starten. EuroTransit zeigt sich von den steigenden Volumina auf den Strecken überzeugt.

 

Welche Vision steckt hinter dieser stürmischen Entwicklung? Dikhanbayev formuliert es kurz und bündig: «Unser Ziel ist es, die führende Transport- und Logistikgesellschaft für die GUS und in den baltischen Staaten zu werden.»

 

 

EuroTransit Terminal in Altynkol

• Fläche von 24 h

• 3 Gleise zu 850 m mit 1520 mm Spurbreite

• 3 Gleise zu 850 m mit 1435 mm Spurbreite

• 2 Künz-Krane

  mit je 41 t Hubkraft

• Stellfläche für 5120 Container

• TSW-Lizenz

  (Temporary storage warehouse)

• Kapazität von 250 000 TEU p.a.

• Ausbaupläne ab 2020  auf 4 Krane  und 1 Mio. TEU

 

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