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27.01.2016 Von: Christian Doepgen


Artikel Nummer: 13143

05-06/2016 Zukunft mit Mass


Nach Anbruch des Jahres 2016 ist der Blick in die Glaskugel beliebt. Viele Prognosen und Hypothesen für den geschäftlichen Verlauf des kommenden Jahres stehen im Raum. Offensichtlich ist bislang nur, dass die Optimisten zu Jahresbeginn den schwereren Stand haben. Um so bemerkenswerter, dass die Unternehmen mit Energie zur Sache gehen und wenig lamentieren. Davon konnte man sich mit eigenen Augen auf dem 17. internationalen Seefracht-Symposium des Swiss Shippers’ Council in Interlaken überzeugen (s. S. 9 der Ausgabe). Man richtet den Blick nach vorn, und das ist gut so.

 

Über den Tag hinaus beschäftigen uns die Metatrends, die die Zukunft unserer Branche beeinflussen können bzw. werden. Ein Feuerwerk vor allem technischer Innovationen brannte auf der oben genannten Veranstaltung Erik Wirsing ab, der den Bereich Zentrale Innovation von DB Schenker leitet. Dem Publikum flogen sowohl bekannte als auch neue Kugeln um die Ohren. Beispiele gefällig? Der 3D-Drucker wird die Ersatzteillogistik weitgehend überflüssig machen, der Transport von Granulat bzw. Titanstaub für eben diese Produktionen wird deswegen zunehmend wichtiger werden. Die Digitalisierung zieht alle in ihren Bann – so werden 98% der Smartphones nie abgestellt, somit die Grenzen zwischen Beruf und Privatem verwischt und eine «sharing economy» setzt sich durch. Was das für uns bedeutet? In naher Zukunft könnten Interessenten ihre kleineren Frachtaufträge im Internet bündeln und Sammelcontainer selbst bestücken, um ihre Einkaufspreise zu verbessern. Und schliesslich drängen Player oder Kunden von ausserhalb der Branche in die bestehenden Geschäftsmodelle ein und bauen sich wie z.B. Amazon selbst über eine chinesische Tochtergesellschaft bei der Federal Maritime Commission der USA (FMC) als NVOCC oder in der Luftfracht auf. Von bekannten Entwicklungen wie dem autonom fahrenden Lkw, der 3D-Brille im Lagereinsatz oder Robotik im Schiffswesen ganz zu schweigen.

 

Viele Innovationen sind technisch faszinierend und etliche werden die Geschäftsmodelle der Transport- und Logistikbranche verändern. Mich hat allerdings der Leitsatz «Ihr müsst das nicht machen. Überleben ist keine Pflicht.» über dem spannenden Vortrag gestört. Viele Innovationen sind nicht zukunftsträchtig, manche werden sich technisch allen Bemühungen zum Trotz als unrealistisch oder unprofitabel erweisen und bei etlichen Neuerungen wird der Gesetzgeber enge Rahmenbedingungen setzen oder Verbote aus-sprechen. Alarmismus hat zudem selten als Aufbruchssignal getaugt, sondern lähmt die Motivation für mutiges Handeln.

 

Wie kann man stattdessen auf absehbare Innovationen reagieren? Jedem Trend zu folgen, ist für die meisten Logistikdienstleister angesichts einer angespannten Marktsituation finanziell nicht möglich. Aber wer hindert uns daran, uns mit dem Verlader, unserem Kunden, über die kommenden Trends auszutauschen? So lassen sich Neuerungen gemeinsam einschätzen, Prioritäten definieren, Lösungen identifizieren, gemeinsame Projekte entwickeln und, ja, im besten Fall sogar Budgets für Massnahmen definieren und Kosten teilen. Von vielen Verladern habe ich in diesen Tagen gehört, dass sie auf Vorschläge von Seiten des Dienstleisters warten. An dieser Stelle kommt dann die für mich stärkste Tugend der Branche zum Tragen: die rasche Anpassungsfähigkeit. Wir brauchen nicht wie viele andere Branchen 24 Monate, bis Prozesse neu eingeführt sind. Machen wir von unseren Stärken Gebrauch!

 

Eine anregende Lektüre des ITJ wünscht Ihnen Ihr

 

Christian Doepgen
Chefredaktor

 

 

 

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