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23.08.2016

Artikel Nummer: 15617

35-36/2016 Offene Worte


Endlich hat in diesen Tagen die Mär abgewirtschaftet, dass Politiker langweilig und ihre Redebeiträge ausweichend und unbestimmt seien. Wir haben wieder gelungene Beispiele dafür, dass gerade in der digitalen Medienwelt Politiker unverblümt und unverstellt ihre Meinung von sich geben, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Auch das ist ein Mittel gegen die Politikverdrossenheit.

 

Aber der Reihe nach. In der «guten alten Zeit» der Monarchien konnte man sich darauf verlassen, dass die höfische Etikette zuweilen gern ausgehebelt wurde und offene Worte fielen. So hielt Zar Iwan IV. mit seiner Meinung gegenüber Queen Elisabeth I. nicht hinter dem Berg und bezeichnete sie kurzerhand als «alte Jungfer», als sie zögerlich auf seine Asylpläne in England reagierte. Aus diesem Grund wurde er übrigens nicht mit dem Beinamen «der Schreckliche» geehrt. Noch frauenfeindlicher äusserte sich Friedrich II. von Preussen, als er die gegen ihn antretenden Damen, die Zarin Elisabeth, die Kaiserin Maria Theresia und die Marquise de Pompadour als «Koalition der Unterröcke» verunglimpfte.

 

Nach einer Schwächephase der politischen Rhetorik scheinen wir nun auch in der Ära der Republiken wieder das freie Gewässer des offenen Wortes erreicht zu haben. Eine fruchtbare Quelle sind Wahlkämpfe: So endete die Kampagne des Kandidaten Mitt Romney im US-Wahlkampf 2012, als er einkommensschwächere Landsleute wegen der «Opferrolle» kritisierte, die er ihnen zuschrieb. In Kanada stilisierte die Opposition den nachmaligen Premierminister Paul Martin zum «Heuchler» hoch. Unvergessen bleibt auch die Auseinandersetzung im britischen Parlament, als Ed Miliband David Cameron «weniger als den Wolf der Wall Street denn den Gimpel der Downing Street» charakterisierte.

 

Das Prinzip setzt sich global durch. So wie der verblichene Hugo Chavez nach einem Besuch des US-Präsidenten bemerkte, dass «nach dem Abgang des Teufels mein Büro noch nach Schwefel riecht». Hingegen war es wohl mehr Verwirrung, als ein japanisches Parlamentsmitglied kürzlich Barack Obama «in der Blutlinie der schwarzen Sklaven» in den USA einordnete. Ist es aber Defensive, wenn in Gabun Präsident Ali Bongo Ondimba im Wahlkampf seine Gegner als «Verleumder» bezeichnet?

 

 Das Feld ist weit und die Bandbreite unserer möglichen Reaktionen hoch: Schmunzeln? Vergessen? Ernst nehmen? Wichtig bleibt wohl das eigene Urteilsvermögen – nicht jeder Vorwurf ist gerechtfertigt, aber nicht jeder ist auch reine Rhetorik.

 

In diesem Sinne, Ihr

 

Christian Doepgen
Chefredaktor

 

 

 

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