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19.10.2016 Von: Christian Doepgen


Artikel Nummer: 16402

43-44/2016 Langfristige Entwicklungen


Es fällt in diesen Tagen nicht leicht, weitsichtig zu sein. Und wieso? Zum einen scheint sich die Zukunft unter unserem Blick noch schneller zu verändern, als wir hinsehen können. Zum anderen ist der hektische Geschäftsgang dafür verantwortlich, dass wir meist nur noch auf Sicht fahren können.

 

Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen ist es immer wieder faszinierend, einen Blick hinaus über den Tellerrand zu wagen. Eine gute Gelegenheit dafür bieten Kongresse. Ich bin nämlich kein Anhänger der bissigen These, die besagt, dass das einzige, was aus einer Konferenz herauskomme, die Leute seien, die hineingegangen sind. Vielmehr lässt sich je nach Güte der Vortragenden ein lohnender Blick in die Kristallkugel werfen. Kürzlich fand ich meine hochgespannten Erwartungen auf dem Fiata Weltkongress 2016, der Jahresversammlung der Spediteure weltweit, bestätigt.

 

Der Vortrag des ehemaligen irischen Premierministers John Bruton erwies sich nicht als Sonntagsgeplänkel, sondern als schonungslose Analyse der aktuellen politisch-wirtschaftlichen Weltlage. Etliche Beiträge wiesen auf die möglichen Konsequenzen des Brexit über das europäische Umfeld hinaus hin. Dan March vom Netzwerk WCA, frisch von einer Chinareise zurück, legte dar, dass für 2020 im globalen E-Commerce-Geschäft Umsätze von 2 Trio. USD erwartet werden – und dass derzeit 40% aller Internet-Portale Bestellungen ablehnen, weil Sie mit der Lieferung auf der letzten Meile (s. S. 34) oder der Rücklauflogistik überfordert sind. Hier herrscht Bedarf.

 

Ein grosses Thema war weiterhin das globale Abkommen zur Handelserleichterung (TFA), das zu Unrecht wenig Aufmerksamkeit in der Branche auf sich zieht. Donia Hammami vom ICC und Nora Neufeld von der WTO zeigten nicht nur die beeindruckenden Potenziale auf, wie eine durchschnittliche Reduktion der globalen Handelskosten um 14,3% oder einen Anstieg der weltweiten Exporte um ca. 1 Trio. USD. Sie machten auch deutlich, dass die Ratifizierung des TFA durch das 110. WTO-Mitglied noch in 2016 möglich ist, da es derzeit 94 unterzeichnende Staaten gibt. Mit anderen Worten: die Einführung steht kurz bevor, mit einem möglichen Exportboom im Schlepptau – von vielen unbemerkt.

 

Die zunehmende Aktivität von Frauen in der Branche war ein zusätzliches Highlight. Das diesjährig ausgezeichnete Nachwuchstalent der Spediteure, Shanon Gould, kommt übrigens aus Neuseeland und arbeitet in Australien. Es lohnt sich also, weite Wege zu gehen.

 

Christian Doepgen
Chefredaktor

 

 

 

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